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VIELFALT AUF HÖCHSTEM NIVEAU
Jura Margulis im
Gespräch mit Dr. Leander Hotaki (Januar 2006)
Dr. Hotaki: Es ist sicherlich
nicht leicht, innerhalb einer so großen Tradition in die
Fußstapfen eines so großen Namens wie Vitaly Margulis zu
treten bzw. nicht zu treten, sondern seinen eigenen Weg zu gehen und
den eigenen Stil zu finden?
Prof. Margulis: Ja. Ich denke, ein Lehrer versucht seinen Schüler
so auszubilden, daß er eventuell dort weitergehen kann, wo der
Lehrer angekommen ist. Selbstverständlich bin ich zunächst
einmal ganz klar den Spuren nachgegangen, die mein Vater gesetzt hat,
für eine sehr lange Zeit. Ich habe über zehn Jahre lang mit
ihm gearbeitet, er hat mit mir angefangen, als ich elf Jahre alt war,
und bis zum Hochschulabschluß, wobei ich die letzten Jahre dann
praktisch keinen Unterricht mehr bei ihm hatte, sondern bereits andere
Wege zu gehen versuchte.
H: Was haben Sie konkret aus
dieser langjährigen Zusammenarbeit mitgenommen?
M: Alles. Mein Vater ist ja ein großer Vertreter der Russischen
Schule. Das hat sehr viel mit Gesang am Klavier zu tun, mit einer
freien, angenehmen Klaviertechnik, die aus dem Gewicht des Armes kommt.
Es hat mit verschiedenartigen Methoden zu tun, die Finger auf den
Tasten zu benutzen, nicht nur das enge Legato zwischen den Fingern,
sondern auch ein ganz trockenes Staccato, das gezupft an der Taste ist,
das schon Bach so unterrichtet hat, und eine fallende Fingertechnik,
wie sie z. B. von Leschetitzky unterrichtet wurde, von Henselt und
Anton und Nikolai Rubinstein, von großen Lehrern also, die die
Russische Schule mitbegründet haben. Diese Dinge habe ich mir im
Unterricht bei meinem Vater erschlossen, und natürlich haben wir
eine ungeheure Menge an Repertoire erarbeitet. Darunter war sehr viel
russische Musik, aber wir haben uns auch sehr intensiv mit Bach und
Beethoven beschäftigt. Mein Vater hat in Russland angefangen, Bach
zu spielen, als das noch nicht jeder tat, Tatiana Nikolaeva vielleicht,
die jedoch in Moskau wirkte. Er hat auch, was weniger bekannt ist,
einmal alle Inventionen und Sinfonien von Bach jeweils mit nur drei
Fingern gespielt, also mit den alten Cembalo-Fingersätzen. So
unterrichtete mein Vater Bach durchaus in einer nicht-romantischen
Weise, sondern mit viel zupfender Technik, fraglos beeinflußt
durch Glenn Gould, der in Russland einen sehr starken Eindruck
hinterließ. Mit Beethoven, vor allem mit den letzten Sonaten,
setzte er sich philosophisch auseinander, zudem entwickelte er eine
Theorie über Tempoverwandtschaften zwischen den Sätzen einer
Sonate. Er hatte also sehr viel zum klassischen Stil zu vermitteln.
H: Das heißt, Sie haben
im Studium bei Ihrem Vater sowohl das technische Rüstzeug als auch
den philosophischen Hintergrund der Musik mitbekommen.
M: In der Tat. Ich würde das so sagen: Hätte ich nach meinem
Vater keinen weiteren Lehrer gehabt, wäre ich bereits ein in sich
geschlossener Künstler geworden. Auf diesem Weg wäre ich
weitergegangen und wäre heute sicherlich ein sehr guter Pianist in
der Tradition der Russischen Schule.
H: Dennoch hat Ihnen das nicht
genügt, und Sie brachen zu neuen Ufern auf – Amerika.
M: Ja. Mir hat etwas gefehlt. Das hatte nichts mit der Schule zu tun,
sondern ich merkte, daß wir in eine neue Welt hineintreten,
daß wir Pianisten, die klassische Musik insgesamt in eine neue
Ära aufbrechen. Ich hatte das Gefühl, daß mir etwas
fehlte, auch wenn ich nicht sagen konnte, was es war. Ich kann das auch
heute nicht konkret benennen. So habe ich vielen großen Pianisten
auf meiner Suche vorgespielt, u.a. Argerich, Ashkenazy, Davidovich,
Perrahia, Zimerman, Lupu, Weissenberg, Fou T´song, und nach einem
neuen Lehrer und nach neuen Eindrücken gesucht, z. B. in
Zürich, Berlin und an der Fondazione del Pianista in Cadenabbia am
Comer See.
Auch mein Vater spürte das und sah ein, daß ich noch einen
Lehrer brauchte. Er war es, der mich mit Leon Fleisher zusammenbrachte,
und ich spielte ihm in Stuttgart vor. Fleisher ist auch in Deutschland
mittlerweile sehr bekannt, aber kein Vergleich zu Amerika: Dort ist er
ein Mythos, eine Legende, schillernd, sagenumwoben, und die Menschen
versuchen eine Audienz bei ihm zu bekommen. Das alles realisierte ich
freilich erst später, kannte damals nur seine Aufnahmen z. B. der
Beethoven-Klavierkonzerte mit George Szell und war natürlich
gebannt. So fasste ich 1993 den Entschluß, ich muß nach
Amerika, wobei ich natürlich genau genommen nicht nach Amerika,
sondern dorthin wollte, wo Fleisher war. Hätte er in Southpark
unterrichtet, wäre ich nach Southpark gegangen. Bereits in
Cadenabbia hatte ich Unterricht bei ihm gehabt und er machte Sachen,
die ich bis dahin noch nicht gehört hatte. Er holte z. B. einen
Klang aus dem Klavier heraus, den ich zum einen live so gut wie niemals
gehört hatte, und zum anderen, das war das Erschütternde,
nicht reproduzieren konnte. Bisher war es immer so gewesen, daß
ich, wenn mir ein Pädagoge etwas zeigte, das nachmachen, umsetzen
konnte. Bei Fleisher musste ich feststellen, es nicht zu können.
Ich konnte nicht diesen Klang aus dem Flügel rauskriegen. Ich
vertraute ihm, als er mir sagte: Wenn Du wirklich etwas lernen willst
bei mir, dann musst Du zwei Jahre lang überhaupt nicht
öffentlich spielen und vieles verändern. Es war schwierig,
diesen Entschluß zu fassen. Aber ich hörte immer wieder
Sachen bei ihm, die unbeschreiblich beeindruckend waren, z. B. Bachs
Chromatische Fantasie und Fuge, die er im Klassenunterricht in
Cadenabbia vorspielte – das war unvergesslich, wir sprechen noch
heute darüber, und das waren alles selbst herausragende junge
Pianisten wie Piotr Anderszewski, Nicolas Angelich, Sergio Tiempo,
Claudio Martinez-Mehner, Stanislav Ioudenitch, und viele andere. Das
war der Moment, wo ich mich entschloß, genau das zu tun, was er
sagt. „Ich werde alles umstellen, ich werde aufhören, Klavier zu
spielen, für eine gewisse Zeit.“ – war mein Entschluß. Nach
diesen zwei Jahren, die ich im Rahmen eines DAAD-Stipendiums am Peabody
Conservatory in Baltimore bei ihm studierte, hatte ich gerade das
Gefühl, Klavier spielen zu können, merkte, daß ich noch
deutlich länger bei ihm bleiben muß, und bin dann in das
Postgraduate Performance Diploma, ein Solistenstudium eingetreten,
für weitere zwei Jahre. Und habe mich auch zum Ende dieses
Studiums nur mühsam in einer Form halten können, die ihm
gemäß war. Wir haben sehr viel Repertoire erarbeitet,
mindestens jeweils eine volle Stunde mit Werken von Mozart, Beethoven,
Schubert, Schumann, Brahms, und vielem mehr.
H: … also nicht-russisches
Programm?
M: Genau. Hauptsächlich deutsche Klassik und Romantik. Liszt
wollte er nicht unbedingt, Rachmaninow und Prokoviev mochte er nicht.
Er war eben ein strenger Vertreter dessen, was er durch Schnabel als
deutsche Schule verstand, nämlich das Virtuose nicht in den
Vordergrund zu stellen. Technik hat man zu haben, aber nur als Mittel
zum Zweck.
Und, wie bereits gesagt, dieser unvergleichliche Klang. Das war eine
Art Maestoso-Klang, der halt nicht mit Fleisch, sondern mit Granit
gemacht wird – das ist etwas ganz anderes. Das ist ein Klang, der eben
nicht in den Magen schlägt, sondern in den Kopf. Ein Klang, wie
wenn die Sonne aufgeht.
H: Und diesen Klang konnte
Ihnen Fleisher im Unterricht vermitteln?
M: Ja. Ich weiß noch genau, als ich begriffen hatte, wie´s
technisch funktioniert, bin ich rumgerannt und hab´s überall
vorgemacht. Ich erinnere mich noch, wie ich zu meiner Mutter, die meine
erste Klavierlehrerin war, kam und sagte, du, ich hab was von Fleisher
gelernt, das kann ich dir nicht erklären, aber schau mal. Ich habe
ihr nur einen Akkord vorgespielt, und sie verstand. Das ist
natürlich nur ein Faktor, den ich bei Fleisher lernte. Etwas ganz
anderes und für mich sehr Entscheidendes lernte ich bei ihm:
daß es möglich ist, in der eigenen Interpretation der Musik,
einen hundertprozentigen Glauben daran zu haben, daß das so und
nicht anders geht. Wenn er eine Phrase spielte, dann war sie absolut
autoritär. Das habe ich von ihm gelernt. Und nicht so sehr, was er
gesagt hat, sondern wie er es gesagt hat, seine absolute
Überzeugung hat mich gelehrt, daß ich eine solche
Überzeugung in meiner eigenen Musik finden muß. Nicht seine
Art, sondern meine Art. Aber das es möglich ist, daß diese
Art von Wahrheit real ist.
H: Also daran, daß es
eigene, absolute Wahrheiten gibt.
M: – in der Musik. So ist es. Wenn man an einem Stück arbeitet,
dann kann sich alles immer verändern, aber man muß in dem
Moment, wo man es formiert und dann vorträgt, eine eigene
Autorität finden. Man kann nicht „sich nicht sicher sein“ – wobei
die Offenheit des Improvisatorischen da kein Widerspruch ist. Ein
Element, das bei Fleisher nicht vorhanden ist, denn er unterrichtet
sehr dogmatisch. Er unterrichtet nicht eine Person, sondern ein
Stück. Eigentlich ist es egal, ob ich ihm vorspiele oder jemand
anderes, er wird genau das Gleiche sagen. Das ist eine ganz besondere
Art von Unterricht, anders als die Russische Schule, die direkt auf den
Pianisten zugeht. Ich denke, das ist im Endeffekt auch kein Stil oder
eine Schule, sondern individuell, so ist Leon Fleisher. Interessant
war, daß er grundsätzlich Gruppenunterricht gab, wie das
auch Franz Liszt praktizierte, und wenn er die Sonate E-Dur op. 109 von
Beethoven unterrichtete, dann war´s das, dann brauchte man ihm
das Werk selbst gar nicht mehr vorzuspielen. Alles, was er dazu zu
sagen hatte, konnte er durch jahrzehntelange Unterrichtserfahrung
komprimiert vermitteln. Es gab Phrasen, die er immer wieder sagte. Und
wenn man sich die Geschichte großer Pädagogen anschaut,
stellt man fest, daß alle Dinge, die ihnen wichtig waren, also
Wahrheiten, die sie in langer Zeit gefunden hatten, sich in einzelnen
Sätzen komprimierten. Fleisher hatte da ein Credo, das er uns
immer sagte, so oft, daß seine Schüler T-Shirts druckten mit
dem Satz darauf: „Support the composer“ – unterstütze den
Komponisten. Das klingt zunächst kryptisch, aber dann begreift
man: Man schaut sich eine Phrase an und es wird einem sofort klar, was
da zu tun ist. Wobei Fleisher, der ja von Schnabel wegging, erst, als
er das Repertoire, das er mit ihm studiert hatte, ein paar Jahre
später wieder aufarbeitete, wirklich verstand, was Schnabel
gemeint hatte. Mir ging´s genauso: Es ging um feine rhythmische
und dynamische Aspekte, um die Art und Weise, wie eine Phrase gestaltet
wird.
H: Man wirft der Russischen
Schule oft einen sehr subjektiven Umgang mit dem Notentext vor,
wohingegegen die Deutsche Schule – klischeehaft gesprochen – für
„Texttreue“ steht. Hat Ihnen Fleisher auch das vermittelt?
M: In einem höheren Sinne ja, denn das soeben erläuterte
„Support the composer“-Prinzip zielt auf Texttreue der
allerhöchsten Form ab. Aber auch mein Vater, als Vertreter der
Russischen Schule, versuchte so nahe wie möglich am Text zu sein.
Man darf ja nicht vergessen, daß die Russische Schule nicht nur
durch Pianisten wie Horowitz repräsentiert wird, sondern z. B.
auch durch Richter und Gilels, die so texttreu wie irgend möglich
spielten. Ich denke, es gibt da Missverständnisse, wenn man sich
einen Text anschaut und dann einfach willkürlich was ändert,
weil es halt gerade so besser gefällt oder geht. Viele
Aufführungen diese Art sind bedingt durch Beeinschränkungen
und Mängel dieser Pianisten, technische oder klangliche, so
daß ein Pianist einen Kompromiß eingeht, der nicht auf
einer künstlerischen, sondern auf einer technische
Entscheidung basiert. Das ist natürlich inakzeptabel, denn es
bedeutet, daß man aus der Tastatur heraus spielt und nicht aus
dem Klang – aus dem Holz, nicht aus dem Geiste. Fleisher fragte mich,
als ich hatte ihm etwas vorgespielt hatte: Glaubst Du eigentlich,
daß Klaviermusik und andere Musik sich unterscheidet? Ich sagte:
Ja, klar. Er sagte: Schwachkopf, Idiot, und viele andere ähnliche
Begriffe. Mittlerweile habe ich natürlich begriffen, daß er
recht hatte. Alle Musik und auch das Klavierrepertoire muß
dirigierbar sein, alle Musik, auch romantische Musik. Es gibt
natürlich immer ein paar Ausnahmen.
H: Sie haben also
unterschiedliche künstlerische und pädagogische
Einflüsse in sich aufgenommen. Mittlerweile unterrichten Sie
selbst als Professor an der University of Arkansas und haben
bekanntlich ein eigenes pädagogisches Konzept der „Unified Piano
School“ entwickelt, das Sie kürzlich auf einem vielbeachteten
Vortrag bei der World Pedagogy Conference eindrucksvoll erörtert
haben. Worin besteht dieses Konzept?
M: Als ich aufhörte, bei Fleisher zu studieren, und durch diese
Einwirkung natürlich noch sehr verwirrt war, in jener Phase also,
in der sich der Staub der Explosionen noch einige Zeit legen musste,
hat man mich gefragt und habe ich mich auch gefragt: Fleisher ist doch
Deutsche Schule, und du hast doch vorher mit deinem Vater gearbeitet,
also in der Tradition der Russischen Schule, das ist doch ein
Unterschied. Natürlich gibt es da unendlich viele persönliche
Unterschiede, ich hatte ja auch mit anderen russischen Lehrern wie z.
B. Naumov oder Bashkirov und mit anderen deutschen Lehrern zu tun, z.
B. Leygraf und Karl Ulrich Schnabel, denen ich des öfteren
vorspielte. Ich merkte, es gibt da ganz konkrete Unterschiede, und ich
merkte, daß er mir wahrscheinlich in der Zukunft – von damals
gesehen – möglich sein würde, verschiedene Ansätze der
Klavierpädagogik zu vereinen.
H: Die Russische Schule und
die Deutsche Schule also?
M: Sozusagen. Eine leichte Verallgemeinerung, denn wenn wir über
die Russische Schule sprechen, dann ändert sich das ja
ständig: Wir sind, das sind jetzt bereits meine persönlichen
Überlegungen, in einer Zeit, in der Tradition ersetzbar ist, d.h.
daß die neue Generation von jungen Pianisten, selbst die
außergewöhnlich guten, nicht mehr eindeutig aus einer
Tradition heraus geprägt sind. Früher war ganz klar zu
unterscheiden, ob einer in Berlin oder in St. Petersburg studierte, das
hörte man, und man hörte sogar, bei welchem Lehrer er
studiert hatte, ob er ein Leschetitzky-Schüler war und so weiter.
Heute ist das alles ein Amalgam, das individuell geprägt ist und
nicht mehr einer bestimmten Schule zuzuordnen ist. Als ich also
feststellte, daß es Unterschiede zwischen den Methoden gibt –
natürlich etwa auch gegenüber der Französischen Schule ,
mit der ich mich ebenfalls recht intensiv auseinandersetzte –, habe ich
angefangen, diese Überlegungen für mich zu formulieren.
Es gibt natürlich zunächst einmal eine sehr allgemeine und
kurzsichtige Meinung, daß die Russische Schule sich vor allem mit
Klang und Technik beschäftigt. Technik, wie wir es heute benutzen,
ist ein unglückliches Wort, und hat nichts allein mit schnellen
Fingern zu tun. Technik ist die Fähigkeit, sich auszudrücken,
sein Selbst auszudrücken, und das Selbst muß erst einmal
gefunden haben, das geht Hand in Hand. Die Deutsche Schule geht eher
von der Konstruktion, einem stilistischen Moment aus, betrachtet in
gewisser Weise aus einer kompositorischen musikalischen Erziehung
heraus die Musik. In der Russischen Schule dagegen gibt es durchaus
zuweilen einen Selbstzweck, und auch die Art und Weise, wie man an ein
Stück herangeht, ist anders. In Russland sucht man nach
allgemeinen Lösungen. Hier ist das pianistische Problem, das wurde
so gelöst von Gilels damals etc. Die deutsche Schule dagegen sagt:
So, das ist die Musik, jetzt schau mal, wie weit du damit kommen
kannst. Das meine ich jeweils ohne Wertung, beide Ansätze sind in
gewisser Weise notwendig, und im Idealfall sind bei einem guten
Pädagogen beide Ansätze präsent. Dennoch gibt es, wie
ich bei meinem Vater und Fleisher erleben konnte, jeweils ganz
unterschiedliche Gewichtungen. Die wollten auf ganz verschiedene Sachen
hinaus, das sind sozusagen die Unterschiede zwischen Platonischem und
Aritotelianischem Gedankengut.
Um zu verstehen, wie sich diese unterschiedlichen Schulen gebildet
haben, begann ich, die Materie ganz systematisch und wissenschaftlich
zu studieren. Ich setzte mich mit Unmengen von Material auseinander,
sammelte und verglich über fünfzig verschiedene Methoden aus
der Geschichte der Klavierpädagogik, spielte sie selbst durch,
probierte alles aus, verglich die Ansätze und Gedankengänge.
Es gibt wohl wenig, was ich nicht gesichtet habe, und zwar nicht nur
die Texte, sondern wirklich die Etüden, die
Übungsstücke, die Systeme. Von Couperin, Rameau, Türk,
Carl Philipp Emanuel Bach über Clementi, Czerny, Cramer,
Moscheles, Deppe, Thoman. Dohnanyi, Leschetitzky, Philipp, Tausig,
Busoni, Cortot. Natürlich Chopin, Liszt und Brahms, einige Sachen
von Beethoven die wir durch Czerny und Cramer kennen, usw. Später
Breithaupt, die eher unglückliche Lebert&Stark-Schule in
Stuttgart, Tobias Matthay in England, Gieseking, Lhevinne, Hofmann,
Sandor, Otto Ortmann in den USA, Geheimtipps wie Timakin, Argerich aus
erster Hand ... und so weiter.
Dadurch, daß ich selbst aus den besten Schulen komme, kann ich
die genannten und die anderen untersuchten Methoden aus der Perspektive
des Kennens und Könnens sehen, d.h. das meiste ist mir aus meiner
eigenen Ausbildung geläufig und ich kann es einordnen. Hier die
Gewichtstechnik, das ist ja das, was wir machen, dort die
Fingertechnik, die hab´ ich ja auch gelernt, Chopin’s
topographischer Ansatz, List’s Belcanto, Mathay’s Armrotation, usw.
Verschiedene Ansätze zum Ton, z. B. Methoden, wenn sie von
Pianisten unterrichtet und aufgeschrieben wurden, damit komme ich aus,
so kann man unterrichten. Wenn sie von Theoretikern geschrieben wurden,
waren sie sehr trocken und zum Teil nicht hilfreich. Und ich glaube, es
gibt und gab zu allen Zeiten sehr viel Scharlatanerie, wenn Lehrer ohne
das Verständnis, wie etwas wirklich funktioniert oder gemeint ist,
einen Gegenstand unterrichten. Und es gab auch in vergangenen Zeiten
„Pädagogen“ wie Kalkbrenner, der einem eine Münze auf die
Hand legte und nur aus den Fingern spielte und unterrichtete. Das war
schon damals keine gute Idee. Heute, mit der modernen Mechanik,
vernichten Sie Hände, wenn Sie die Hand auf diese Weise zwingen,
sich nicht zu bewegen. Kalkbrenner schaute sich die Chopin-Etüden
an und sagte, das kann man nicht spielen – weil die Münze auf dem
Handrücken nicht liegen bleiben kann, wenn man op. 10/1 spielt.
Wir wissen natürlich, daß das Unsinn ist. So gibt es
Methoden, die zwar ganz wunderbar in der Theorie sind, aber in der
Praxis reiner Mumpitz.
H: Aber was heißt dann
„unified“? Diese ganzen Methoden zu einer Methode zu vereinen, oder die
zwei unterschiedlichen Ansätze der Deutschen Schule und der
Russischen Schule?
M: Ursprünglich wollte ich lediglich jene zwei Methoden in
Einklang bringen, in denen ich ausgebilded wurde. Mittlerweile hat sich
das durchaus erheblich ausgedehnt. Ich würde sagen, was ich da
schreibe und auch unterrichte, ist auf einen Nenner gebracht folgendes:
Die Synthese von Pianistischen und pädagogischen Traditionen. Wenn
man sich die Klaviermethodik aus der Vergangenheit anschaut, haben Sie
Unterrichtswerke, die erklären, wie man einen Ton spielt, zwei und
vier usw. Dann haben Sie Bücher wie von Heinrich Neuhaus, Charles
Rosen oder Alfred Brendel, die sich mit der hohen Materie des Geistigen
in der Musik beschäftigen. Aber ich kenne kein Werk, das eine
wirkliche Brücke zwischen diesen beiden Bereichen schlägt
für den lernenden. Ich stelle mir vor: Das hier ist der erste Ton,
und zehn Jahre später: das hier ist op. 111, und es gibt eine
direkte Verbindung vom ersten Ton bis zum höchsten Meisterwerk.
Das strebe ich mit meiner Methode an. Meine Schule beginnt am absoluten
Anfang, mit der eintönigen Klangerzeugung aus dem Arm, und
arbeitet sich durch verschiedene Arten der Klangerzeugung, wiederum nur
mit einem Ton, dann geht man langsam dazu über, andere Finger zu
benutzen, bis man fünf Finger benutzt. Das fängt bei einem
Ton an, arbeitet sich, noch ohne Daumenuntersatz, durch Töne
durch, dann kommen wir zum riesigen Gebiet der Tonleitern/Arpeggien mit
sehr vielen Varianten. z. B. Isidor Philipp, dessen gesamte Ausbildung
auf Übungen auf verminderten Septakkorden basierte, transponiert
in zwölf Tonarten. Ferner natürlich Elemente der
Liszt-Schule, etc. Kurzum, ich verbinde eine Fülle von
Elementen aus verschiedenen Ausbildungstraditionen zu einem
System – vom ersten Ton zur Transzendenz, zu einer organischen und
aufgeklärten Klaviertechnik. Es ist, wie gesagt, ein Weg vom
ersten Ton zu den schwierigsten Werken wie Chopins Etüden, Liszts
Etudes d´exécution transcendantes, Ravels Gaspard de la
Nuit, Rach III. Es ist ein Weg, wenn man versteht, wie Musik aufgebaut
ist. Übrigens eine Sichtweise, die viele große Pianisten und
Lehrer wie Leopold Godowsky und Joseph Lhevinne schon vor vielen
Jahrzehnten hatten.
Das ist der erste Teil. Danach, das ist das Ungewöhnliche,
versuche ich im zweiten Teil einen Brückenschlag zur Musik, zur
Philosophie, zu künstlerischen Grundfragen: Was ist Musik? In
diesem Zusammenhang will ich den Schüler mit etwas bekanntmachen,
das es, wie soeben erörtert, nach meiner Überzeugung auch in
der Musik gibt: Absolute Prinzipien und Gesetze, auf denen alles
weitere basiert. Etwa vergleichbar mit dem genetischen Material eines
Menschen, das mit dem der anderen zu 99,9 % identisch ist – was uns
individuell macht, ist also ein ganz kleiner Prozentsatz. In der Musik
ist es analog: Wir haben Rhythmus, Harmonie und Melodie. Diese drei
Teile haben Gesetze, und wenn man diese Gesetze beherrscht, kann man im
Prinzip alles verstehen und spielen. Dieser Teil ist mir sehr wichtig.
Weitere Fragen, die behandelt werden, sind etwa: Wie liest ein Meister
ein Notenbild? Was ist gutes Üben? Und schließlich: Was
machen wir eigentlich? Was ist Klavierspielen heute? Was ist ein
Pianist im 21. Jahrhundert? Was für eine Zukunft hat unser Beruf?
H: Sie sagen, vom ersten Ton
bis zur Vollendung ist es e i n Weg – den ersten Teil, wenn
man dieses System durchziehen wollte, müßte man dann schon
als Kind beginnen? Aber kann man diesen denn verstehen, oder bedarf es
der Vermittlung?
M: Es ist natürlich kein Buch, mit dem ein Achtjähriger
selbständig arbeiten kann, sondern für einen Pädagogen
gedacht. Schüler, wenn sie vielleicht zwölf sind und schon
eine gute Basis haben, können auch etwas damit anfangen. Also ein
Werk für Pädagogen und Pianisten, und natürlich für
Studenten. Ich möchte, daß jemand, der am Konservatorium
studiert, das Buch benutzt, und es ihm Antworten auf seine Fragen gibt
– auf die Fragen, die jeder Student hat, die ich auch gehabt habe. Ich
habe auch einen Zeitrahmen. In Amerika möchte man ja alles schnell
und einfach haben – „the easy way“. Lernen Sie Dirigieren in 10 Tagen,
werden Sie Meisterkoch in 5 Wochen – pointiert gesagt. Ich habe auch so
ein Kapitel, das heißt: „The easy way – learn to play the piano
in only ten years”. Den ersten Teil durchzuziehen: Unter fünf
Jahren absolut undenkbar, zehn Jahre sind wohl nötig, bis man
wirklich Klavier spielen kann. Es ist gut, seine Technik zu Beginn der
Arbeit mit diesem System völlig neu einzuschätzen und das
Klavier für eine Zeitlang als ein völlig neues Instrument
angeht. Bei den Geigern ist es oft so, daß ein großer
Lehrer einen neuen, auch sehr weit entwickelten Schüler erstmal
für Monate, bis ein Jahr auf leeren Seiten spielen lässt.
Keine Finger – nur Bogen. Auch wir Pianisten müssen erst den
Einsatz des Armgewichts verstehen und erst dann die Finger. Das braucht
Zeit!
H: Wenn ein relativ
fortgeschrittener Pianist anfängt, mit diesem System zu arbeiten,
wird er also nicht solange brauchen?
M: Natürlich nicht. Wer Talent und Fähigkeiten bereits
mitbringt, kann das System viel schneller begreifen. Aber ich fange mit
dem Studenten wieder von vorne an. Wir analysieren sein Spiel, in der
Technik: normalerweise leichte Verkrampfung, zuviel Finger, nicht genug
Arm. Ich sage, was du an Technik mitbringst, ist prima, wir wollen das
nicht über Bord werfen, das arbeiten wir in das große System
ein, aber wir wollen auch eine ganz solide Basis schaffen. Wie ein
Baum, der Wurzeln hat und einen Stamm, aus dem heraus Äste
wachsen. Einer dieser Äste kann Fingertechnik sein. Wenn man den
Ast schon hat, prima, aber man muß am Stamm arbeiten, an der
Gewichtstechnik. Aber um es in diesem Zusammenhang, einem Interview zur
Russischen Schule, noch einmal zu betonen: Die Russische Schule hat
eine große Tradition, etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Beim
Meisterkurs „Russische Schule“ in Freiburg werde ich natürlich
weiterhin Pianisten in dieser großen Tradition ausbilden.
H: Heißt das, daß
Sie dort nicht nach dem Konzept Ihrer „Unified Piano School“
unterrichten werden?
M: Je nachdem. Grundsätzlich werde ich in Freiburg das System der
„Russischen Schule“ unterrichten, aber, wie Godowsky sagte, „Die
perfekte Methode ist eklektisch“, oder wie Leschetitzky sagte, seine
Methode sei, keine Methode zu haben. Die „Unified Piano School“ ist der
Titel eines Buches und natürlich eine gewisse Denkweise, die ich
vermittle, aber natürlich hat die Russische Schule einen
großen Platz darin. Auf den Punkt gebracht: ich werde in Freiburg
auch in den nächsten dreißig Jahren die Essenz der
„Russischen Schule“ unterrichten, aber je nach pädagogischer
Notwendigkeit Elemente meiner „Unified Piano School“ einbeziehen.
H: Lassen Sie uns zum
Meisterkurs „Russische Schule“ in Freiburg zurückkehren. Vitaly
Margulis hat diesen Meisterkurs vor nunmehr dreißig Jahren in
Freiburg gegründet, Sie werden das fortführen, wenngleich
unter Einbeziehung von Elementen der „Unified Piano School“. Gibt es
demgegenüber auch Bereiche, die Sie verändern oder nicht mehr
fortführen wollen im Unterricht der Russischen Schule, beim
Pianofest, beim Meisterkurs insgesamt?
M: Durchaus. Ich bin davon überzeugt, daß eine breitere
Ausbildung für den Pianisten unverzichtbar ist, und möchte
den Studenten in diesem Zusammenhang verschiedenartige Erfahrungen
anbieten außerhalb des Klavierunterrichtes. So haben wir z. B.
ein gutes Verhältnis mit der Stiftung Historischer
Tasteninstrumente im Schloß in Bad Krozingen, wodurch wir jungen
Pianisten die Möglichkeit geben, sich auch einmal etwa mit dem
Hammerflügel vertraut zu machen. Außerdem, das habe ich im
letzten Jahr begonnen und setze es fort, bieten wir immer einen Vortrag
eines Musikhistorikers bzw. -theoretikers im Meisterkurs an, um den
Studenten neue Aspekte der musikalischen Vergangenheit zu
erschließen und generell ihre Sichtweise der Musik zu weiten.
Auch werden wir eine Sondervorführung eines Welte-Mignon
Flügels erleben, in der wir Pianisten hören können noch
vor der akustischen Aufnahme – wie z. B. Emil von Sauer oder Camille
Saint-Saëns. Es geht mir also nicht nur um Klavierunterricht,
sondern um einen Beitrag zur universellen Bildung der Studenten, wie
sie für den wirklichen Künstler unverzichtbar ist, um die
Bewahrung einer universellen Tradition des Klavierspiels.
Außerdem haben wir, was ich weiter ausbauen möchte, heute
viel mehr Auftrittsmöglichkeiten für die Studenten, d.h. sie
können mehrfach öffentlich spielen während der
Kurs-Schülerkonzerte und können so das Gelernte unmittelbar
umzusetzen versuchen.
Was die Konzertserie der Russischen Schule, das Pianofest, angeht, so
möchte ich dem Freiburger Publikum sehr unterschiedliche Typen von
Pianisten vorstellen, die verschiedene Traditionen des Klavierspiels
vertreten.
H: Ich habe das Gefühl,
daß das Spektrum der auftretenden Künstler, seit Sie die
Leitung des Pianofestes übernommen haben, noch breiter geworden
ist. Früher spielten wohl doch fast nur Russen bzw. in der
Tradition der Russischen Schule stehende Musiker, heute treten ja
durchaus auch Künstler auf, die nicht in dieser Tradition stehen.
M: So ist es. Mir geht es um Vielfalt auf höchstem Niveau, die
sich zu einem einheitlichen Konzept zusammenfügt – beim
Meisterkurs und Pianofest ebenso wie bei der „Unified
Piano School“.
Dr.
Hotaki: Vielen Dank
für dieses Interview.
Prof. Margulis: Es war mir eine Freude.
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